Zeitreisen - Geschichten, die am Leben bleiben
Das Freilichtmuseum in Beuren lässt die Lebensweise der Generationen vor uns wieder lebendig werden
Es riecht nach Rauch, Schmalz und Röstaromen in der dunklen Küche. Die tiefe gusseiserne Pfanne steht in einer Aussparung des Herdes direkt über dem Feuer. Schwarzer Brei wird hier gekocht. „Aber der ist ja gar nicht schwarz!“, ruft eins der umstehenden Kinder. „Nein“, lacht Museumspädagogin Isolde Halm, „das wird er nur, wenn er anbrennt!“
Ob der früher oft angebrannt sei? Ja, da musste man schon aufpassen beim Kochen. Das Feuer durfte nicht ausgehen und nicht zu hoch werden, da musste man immer dabei bleiben. Und da die Eltern viel zu tun hatten, mit den Tieren und auf dem Feld, waren die etwas größeren Kinder daheim und mussten das Essen machen und nebenher auf die Kleinen aufpassen. Da kann schon mal was anbrennen.
Wo kommen wir her?
Das Freilichtmuseum in Beuren ist wie eine große Zeitmaschine. Ob beim Kochen, beim Handwerk oder in der Landwirtschaft, hier ist man mit allen Sinnen mitten drin in einer Zeit, deren Zeugen mit jedem Tag aussterben. Der Bauherr Hans Jerg Mannsperger aus Tamm, der Beurener Geldverleiher Jakob Kittelberger, der Tageslichtfotograf Otto Hofmann oder der Weber Andreas Schmid aus Laichingen – ihre Häuser aus dem Neckarland und von der Schwäbischen Alb erzählen uns ihre Geschichten. Mit einer Führung, per Audio-Guide oder mit der Museums-App geht es auf Entdeckungstour durch alte Küchen, Stuben, Kammern und Ställe. Vom stattlichen Bauernhaus über Backhäusle und Weberhaus bis zum Ausgedinghäusle reicht die Palette der Gebäude, nicht zu vergessen das Tageslicht-Photostudio, das das letzte seiner Art in Europa sein könnte.
Alle Gebäude sind dort, wo sie einst standen, abgebaut und hier original wieder aufgebaut worden. Im Albdorf, dem hinteren Teil des Museums, wird dieses aufwendige, „Translozierung“ genannte, Verfahren in Filmsequenzen erklärt.
Dabei gehen die Eindrücke nicht nur über Kopf und Augen, sondern auch durch Hand und Haut. Eine Fülle unterschiedlichster Veranstaltungen findet sich im Programm des Museums. Wer mit der Sense Gras gemäht, das Melken geübt, das Milchkännchen balanciert, Butter gestampft und die schließlich gegessen hat, der weiß, dass Kühe Mühe gemacht haben. Wer Feuer gemacht hat im Herd, wer im Backhaus Brötchen und Blechkuchen gebacken hat, der weiß, was einfachste Nahrung für ein tiefgreifendes Erlebnis sein kann.
Ein besonderes Gemeinschaftserlebnis
Ob Betriebsausflug oder Familienfeier, ob Kindergeburtstag oder Ausflug mit Freunden, die Zeitreisen ins letzte oder vorletzte Jahrhundert sind ein Erlebnis, das Menschen zusammenbringt. Obstanbau, Schäferei und Filzen, Kinderspiele früherer Zeiten oder der Bau einer Vogelscheuche – das Museum bietet viele Möglichkeiten, um in das Leben unserer Urgroßeltern einzusteigen.
Da sieht man unser heutiges Leben mit ganz anderen Augen. So manche Bequemlichkeit, manchen Genuss lernt man ganz neu zu schätzen. Aber vielleicht wird man auch die Ursprünglichkeit des Lebens damals vermissen und wieder neu suchen wollen. Vielleicht wird man auf der Holzbank sitzen und über Dinge reden, über die man sich schon lange keine Gedanken mehr gemacht hat. Über das Heizen im Winter, über traditionelles Handwerk, über das Leben von Nutztieren.
Ein starkes Team
Um die Fülle an Information lebendig zu halten, arbeitet ein engagiertes Team von Haupt- und Ehrenamtlichen für das Museum. Für die Leitung des 1995 eröffneten Museums ist die Kulturwissenschaftlerin Steffi Cornelius zuständig. Zum Museumsteam gehören außerdem Museumsführer und Museumspädagogen, die, bei Themenführungen und allerlei Aktionen, das Leben von damals wieder Gegenwart werden lassen.
In dem 1994 gegründeten Förderverein hat der Museumsträger einen starken Partner, der ausgewählte Projekte unterstützt, aber auch ehrenamtlich tätig ist. In vielfältiger Weise leistet der Verein ideelle und materielle Unterstützung und trägt zur Lebendigkeit des Museums bei. Vorzeigeprojekt des Fördervereins ist das Tante-Helene-Lädle, ein aus Nürtingen nach Beuren geholter Kolonialwarenladen. Er bietet am Eingang des Museumsdorfes, neben einigen regionalen Produkten, ein liebevoll zusammengestelltes Sortiment von Dingen, die es in den Jahren 1929 bis 1992 dort zu kaufen gab.
Alles, was es braucht für einen besonderen Tag
Ein Besuch im Freilichtmuseum lässt sich hervorragend verbinden mit einer von einem Albguide geführten Biosphärenwanderung von etwa 2,5 Stunden. Die Genusswanderung beginnt mit einem idyllischen Frühstück unter Streuobstbäumen und endet idealerweise in der Museumsgastronomie, dem Landhaus Engelberg, zu dem auch das Gourmet-Restaurant mannsperger’s gehört. Stilecht, im Bauernhaus von 1726 und in der idyllischen Gartenwirtschaft, tischen Luise Rohner und Emre Demiryüleyen ausgesuchte Spezialitäten mit vielen regionalen Zutaten auf.
Nicht nur Kinder haben ihren Spaß mit den Schafen, Ziegen und Gänsen, die vom Museum gehalten werden, an dem Spielbereich am Bach und dem Baumhaus. Und nicht nur geschichtsbegeisterte Menschen werden sich verzaubern lassen von der Zeit und der Kultur, aus der wir her kommen. Ein Besuch im Freilichtmuseum Beuren hat alles, was es braucht für einen besonderen Tag.



